Einen Interpretationsraum eröffnen
Interview mit Gesa Jäger, die gemeinsam mit Louly Seif bei Filmplus 2019 mit dem Bild-Kunst Schnitt Preis Dokumentarfilm für Dreamaway ausgezeichnet wurde.
Bei einem ‚Gattungsgrenzgänger’ wie „Dreamaway“ ist es wichtig, mit der Entstehung anzufangen. Als Du 2015 zum ersten mal vom Vorhaben des Regieteams für diesem Film hörtest, was war geplant?
Gesa Jäger: Die Regisseurin Johanna Domke und Regisseur Marouan O'mara hatten mit „CROP“ bereits einen sehr besonderen Film über den arabischen Frühling in Cairo gemacht und interessierten sich nun dafür, wie die Touristen-Hochburg Sharm-el-Sheikh mit ihrer westlichen Orientierung junge Menschen verändert, die aus dem ganzen Land zum Arbeiten dort hin zogen. Nach einem ersten Recherche-Dreh gab es aber im Herbst 2015 einen Anschlag des IS, bei dem ein russisches Passagierflugzeug kurz nach dem Start in die Luft gesprengt wurde. Neben erhöhten Sicherheitsvorkehrungen hatte das die Auswirkung, dass der Flughafen als unsicher galt und sämtliche Auslandsflüge dorthin gestrichen wurden – mit der Folge, dass Sharm-el-Sheikh von nun an eine Geisterstadt war, in die kaum noch Touristen kamen. Das Konzept des Dokumentarfilms wurde zunächst dementsprechend angepasst. Es gab aber keine Drehgenehmigung für einen Dokumentarfilm in diesen unsicheren Zeiten. Nach langem Warten wurde entschieden, offiziell einen Spielfilm zu drehen – was dann auch erlaubt wurde. Für diesen Film wurde dann ein Casting veranstaltet, bei dem die Protagonisten gefunden wurden. Im Anschluss an das Casting gab es dann Workshops, die auch schon von der Kamera begleitet wurden. Johanna nennt das einen „partizipativen Film“, also die „Figuren“ wurden gemeinsam entwickelt, ebenso mögliche Handlungselemente. Das tatsächliche Leben der Protagonisten wurde also gemeinsam mit ihnen in Teilen fiktionalisiert, vor allem um sie zu schützen – da z.B. ihre Familien teilweise nichts von Details ihrer Arbeit als Masseur o.ä. wussten – aber auch um das Projekt nach außen hin mehr wie einen Spielfilm erscheinen zu lassen.
Was macht „Dreamaway“ für Dich zum Dokumentarfilm und wie hast Du das in der Montage gezielt gestärkt?
Gesa Jäger: Der Film zeigt einen realen Ort, es sind echte Menschen mit ihren Geschichten, Träumen und Ängsten. Und er geht mit seinen fiktionalen Elementen sehr offen um, anstatt sie zu verbergen. Das war mir und uns sehr wichtig, dass der Prozess der Entstehung spürbar ist. Für mich war das in der Montage die größte Herausforderung: Wann gibt man wie viel Preis, wann lässt man einen Protagonisten „der Film“ sagen und macht ihn damit selbst zum Thema.
Obwohl Du ja schon früh Kenntnis von dem Projekt hattest, bist Du erst relativ spät zum Schnitt gestoßen. Für die erste Montagephase zeichnet die ägyptische Editorin Louly Seif verantwortlich, die gerade gemeinsam mit Dir den „Bild-Kunst Schnitt Preis Dokumentarfilm“ erhielt, aber leider aufgrund eines aktuellen Filmprojekts nicht selbst in Köln dabei sein konnte. Wie hat Eure Arbeit ineinander gegriffen, aufeinander aufgebaut?
Gesa Jäger: Nachdem ich zunächst aus zeitlichen Gründen den Schnitt
des Projekts nicht übernehmen konnte, war ich sehr froh als am Ende dann doch
noch Unterstützung für den Feinschnitt gefragt war. Wobei „Feinschnitt“ nicht
ganz richtig ist – wir haben noch mal stark umstrukturiert und eine ganze Ebene
aus dem Film entfernt.
Louly und ich haben leider nur einen einzigen Tag
zusammen verbracht und an dem waren wir sehr beschäftigt mit der technischen
Übergabe des Projekts, statt mit Inhalten. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt
bereits mehrere Monate am Film geschnitten und es gab einen sehr guten
Rohschnitt, der aber einfach noch nicht richtig funktionierte. Für mich war es
das erste Mal, dass ich ein Projekt von jemandem übernommen habe und ich habe
mich ein paar Tage sehr schwer getan – der Film war ein bisschen wie verpanzert.
Ich habe Karteikarten und Bilder an der Wand gebraucht, habe mir die Struktur
erarbeitet und mit jedem Tag wuchs mein Vertrauen in Louly und ihre Arbeit.
Jeder aufgetrimmte Schnitt legte ihre Entscheidungen frei und so wurde der
„Panzer“ weicher und flexibler. Ich glaube, sowohl für den Film als auch die
Regie war es gut, dass noch mal jemand mit einem neuen Blick an den Film gehen
konnte.
Wie wichtig war es, auch im Montage-Team, genau wie bei der Regie, einen deutschen und einen ägyptischen Blick auf die Geschichte zu haben? Wie hat das dazukommen Deiner Perspektive gegen Ende der Schnittphase den Film noch einmal neu geprägt?
Gesa Jäger: Uns allen war es wichtig einen Film zu machen, der sowohl für ein arabisches, als auch für ein westliches Publikum funktioniert. Das ist insofern eine Herausforderung, als man sehr genau austarieren muss, was man dem Publikum erklären muss und was selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. Zum Beispiel ist es für junge Männer eine Lebensrealität, dass sie um heiraten zu können – und das bedeutet auch: überhaupt erst Sex haben zu können – eine vernünftige Arbeit, eine Wohnung, Hochzeitsgeschenke an die Familie der Braut und ein Startkapital zur Familienplanung bereitstellen müssen. Das ist unter den derzeitigen ökonomischen Bedingungen eine große Herausforderung und lässt viele junge Männer verzweifeln. Das konnte man im Film natürlich nicht so direkt erklären, weil es für das ägyptische Publikum redundant gewesen wäre. Stattdessen unterhalten sich die Protagonisten über die große Liebe, die sie unter diesen Umständen nicht heiraten konnten. Daran kann das Publikum unabhängig vom kulturellen Hintergrund anknüpfen und es erklärt die Umstände nebenbei. Es gab einige Komponenten im Material, auf die ich viel stärker angesprungen bin als Louly, einfach weil sie aus meinem Kontext heraus für mich spannender waren, als für sie – wie zum Beispiel, dass Hossam mit zwei Frauen verheiratet ist und sich trotzdem über Einsamkeit beschwert.
Wie ist es gelungen, ein Ankommen in der surrealen Welt des nahezu verwaisten Luxus-Ressorts in Sharm-el-Sheikh zu gestalten, einen Anfang zu montieren, der sowohl die Welt der Geschichte und ihre Regeln, die Verortung der Protagonisten darin und nicht zuletzt die poetisch überhöhte Erzählweise des Films einführt?
Gesa Jäger: Es war von Anfang an klar, dass die surreale Ebene einen wichtigen Platz im Film einnehmen wird und auch als Kommentar zur Lesart des Filmes funktionieren kann. Mit den surrealen Elementen wie der Wüste oder dem Affen wird gleich klargestellt, dass es sich nicht um einen klassischen Dokumentarfilm handelt und dass es verschiedene Ebenen gibt, die miteinander kommunizieren und einen Interpretationsraum eröffnen. Deswegen war es wichtig, diese Ebenen gleich zu Anfang neben den Geschichten der Protagonisten und deren Lebensraum zu präsentieren. Dahin zu kommen war natürlich ein langer Prozess und es freut mich, dass es uns gelungen zu sein scheint.
Interview: Kyra Scheurer